Das Baby füttern – und die Mikroben

Das Baby füttern – und die Mikroben

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Mary Francell, Atlanta, Georgia, USA
Übersetzung: Anja Harnisch, Austria

In den letzten Jahren ist das Interesse an der Rolle der nützlichen Bakterien im menschlichen Darmtrakt und im gesamten Körper stark gestiegen. Kommensale Mikroben (die normale Mikroflora auf unseren Körperoberflächen) sind vermutlich an allem beteiligt, von der Regulierung der Immunfunktion bis zur Ausschüttung von Neurotransmittern. Babys bekommen diese Mikroben in erster Linie von ihren Müttern – und das Stillen spielt eine große Rolle bei ihrer Besiedlung.

Muttermilch beeinflusst die Mikroflora

Säuglingsdarm-Populationen unterliegen vielen Variationen, die auf der Lebensgeschichte, der Genetik, der Verwendung von Antibiotika, Ernährung der Vorfahren, der Art der Geburt und mehr basieren. Einige Untersuchungen haben sogar gezeigt, dass Übergewicht oder Stress bei der Mutter oder sogar das Geschlecht des Babys die mikrobielle Zusammensetzung der menschlichen Milch beeinflussen können. Auch die geographische Lage ist von großer Bedeutung; zum Beispiel haben Subsistenzgemeinschaften (die auf natürliche Ressourcen angewiesen sind) im Vergleich zu westlichen, gebildeten, industrialisierten, reichen und demokratischen (WEIRD) Gesellschaften eine größere Vielfalt an Darmbakterien. Der wichtigste Einfluss auf die Art der Mikroorganismen auf unserer Haut oder in unserem Körper scheint jedoch zu sein, ob ein Baby etwas anderes als Muttermilch erhält oder nicht.

Das Mikrobiom eines Säuglings (die Mikroorganismen in seinem Körper) wird aus mehreren Quellen gebildet: Haut-zu-Haut-Kontakt, Passage durch den Geburtskanal und Bakterien, die in utero erworben werden. Aber ein erheblicher Teil kommt aus der Muttermilch, wenn mütterliche Darmbakterien in die Milchdrüsen wandern und vom Baby aufgenommen werden. Diese milchorientierten Mikroben (MOMs), insbesondere Bifidobacterium longum infantis (B. infantis), ernähren sich von einem weiteren bemerkenswerten Bestandteil der Muttermilch: den Oligosacchariden (HMOs).

Humanmilch-Oligosaccharide (HMOs)

Es gibt etwa 400 bis 1000 verschiedene Arten von HMOs und jede Mutter produziert ihren eigenen individuellen Fingerabdruck von etwa 50 dieser Arten. Obwohl HMOs die drittgrößte Komponente der menschlichen Milch darstellen, können Babys diese komplexen Zuckermoleküle nicht verdauen. HMOs gelangen in den Verdauungstrakt, wo sie nicht nur MOMs ernähren, sondern auch pathogene Bakterien (Bakterien, die Infektionen verursachen) binden und inaktivieren. Es wird angenommen, dass diese Bindungskapazität ein Grund dafür ist, dass das menschliche Immunschwächevirus (HIV) nicht leicht durch die Muttermilch übertragen wird. Darüber hinaus verdaut B. infantis HMOs weitaus vollständiger als andere nützliche Organismen und setzt dabei sowohl kurzkettige Fettsäuren frei, die die Darmschleimhaut des Kindes ernähren, als auch Sialinsäure, die das schnelle Wachstum des Gehirns fördert.

Bessere Gesundheit und Entwicklung

Auf der Konferenz der International Lactation Consultant Association 2016 diskutierte die Anthropologin Katie Hinde, PhD, wie ein Überwiegen von “gestillten” Bifidobakterien im Darm eines Babys, insbesondere von B. infantis, mit besseren Gesundheitsergebnissen und einer besseren Entwicklung in Verbindung gebracht wird, einschließlich einer verbesserten Immunfunktion und einer geringeren Inzidenz von nekrotisierender Enterokolitis (einer schweren Darmerkrankung) bei Frühgeborenen. Eine weitere der faszinierenden Arten, wie Mikroben an einer gesteigerten Immunität beteiligt sein können, ist die Interaktion von Muttermilch und Speichel für Säuglinge (nicht jedoch für Erwachsene). Diese Kombination erzeugt eine Form von Wasserstoffperoxid, die pathogene Bakterien zerstört, während sie gleichzeitig Nukleoside und Nukleobasen (Bausteine des genetischen Materials) bereitstellt, um nützliche Organismen zu nähren. Dr. Hinde und andere Forscher haben sogar theoretisiert, dass einige MOMs bestimmte Neurotransmitter (chemische Botenstoffe) absondern können, um das Verhalten bei Säuglingen zu regulieren, was möglicherweise zu einem besseren Wachstum durch Energieeinsparung führt.

Wir können jetzt sowohl probiotische als auch präbiotische Vorteile zu der langen Liste der erstaunlichen Eigenschaften der Muttermilch hinzufügen.  Weitere faszinierende Informationen zur Zusammensetzung und Funktion der Muttermilch finden Sie in Dr. Hindes Blog “Mammals Suck … Milk!”(Säugetiere saugen…. Milch!) unter  http://mammalssuck.blogspot.com/?view=magazine.

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Mary Francell und ihr Mann Howard sind Eltern von drei gestillten Kindern im Alter von 25, 21 und 18 Jahren. Sie ist seit über 20 Jahren LLL-Beraterin und ist derzeit Area Professional Liaison für LLL of Georgia, USA und Contributing Editor für Leader Today. Als International Board Certified Lactation Consultant arbeitet Mary als Teilzeitbeschäftigte in einer Kinderarzt-Praxis und betreut auch Kunden im Auftrag einer privaten Laktationspraxis in Atlanta, Georgia, USA.